Köln-Neustadt-Süd

Eine Aktion, für die man die Blo­go­sphäre lie­ben muss. Ange­fan­gen hat alles mit Maxi­mi­lians Suche nach einer neuen Woh­nung. Er bat um Beschrei­bun­gen von Ham­bur­ger Stadt­tei­len, nach­dem er mit Sankt Georg selbst begon­nen hatte. Anne nahm die Her­aus­for­de­rung an und erwei­terte auf das Ruhr­ge­biet, bevor Isa ganz prag­ma­tisch den Rest der Welt auf­rief. Zu die­sem zählt wohl Köln, wo ich ein paar Jahre lebte.

Der echte Köl­ner lebt in der Süd­stadt, sagen echte Köl­ner. Wobei man da noch dif­fe­ren­zie­ren muss. Die Süd­stadt besteht offi­zi­ell aus der Neustadt-Süd und aus der Altstadt-Süd. Zu letz­te­rer zäh­len echte Schwer­ge­wichte unter den Vee­deln wie das Seve­r­ins­vier­tel, in dem sich vor eini­gen Jah­ren ein Loch auf­tat oder der fan­tas­tisch­tolle Rhein­au­ha­fen, die schönste Tou­ris­ten­at­trak­tion nach dem Dom. Im enge­ren Sinn ist die Süd­stadt eigent­lich nur ein Teil der Neustadt-Süd, aber wir wol­len ja mal nicht so klein­lich sein.

Der Stadt­teil Neustadt-Süd ist der coole Stadt­teil. Gebaut an der ehe­ma­li­gen Stadt­mauer ent­lang, beher­bergt er heute unter ande­rem die Uni und die FH. Das so genannte Kwar­tier Lat­äng ist die Aus­geh­meile, wenn man zwi­schen acht­zehn und fünf­und­drei­ßig ist. (Die Ober­grenze habe ich jetzt mal so fest­ge­legt, damit ich da noch hin darf.) Wenn Fuß­ball­meis­ter­schaf­ten sind, ist die Zül­pi­cher Straße die inof­fi­zi­elle Fan­meile und der Stra­ßen­kar­ne­val ist angeb­lich nur dort der echte. Gene­rell wird in den Näch­ten gerne so lange gefei­ert, bis man die Straße vor lau­ter Bier­fla­schen nicht mehr sieht. Außer an Kar­ne­val, da gilt seit zwei Jah­ren ein Glas­ver­bot für das Kwar­tier Latäng.

Geht man die Ringe noch ein wenig wei­ter nord­wärts, kommt man auf den Teil zwi­schen Zül­pi­cher Platz und Frie­sen­platz, der im enge­ren Sinn als „die Ringe“ bezeich­net wird. (Man merkt, das hat Sys­tem in Köln.) Dort wer­den tie­fer gelegte 3er-BMWs pro­be­ge­fah­ren und dort sind die Clubs, in denen man gerne mal Pro­mis trifft und DSDS-Gewinner pein­li­che Auf­tritte absolvieren.

Gene­rell ist die Süd­stadt sehr lebens­wert. Es gibt viele Weg­geh­mög­lich­kei­ten, die Bah­nen ver­keh­ren für KVB-Verhältnisse regel­mä­ßig und viele Künst­ler und ita­lie­ni­sche Ein­wan­de­rer geben die­sem Stadt­teil einen ganz ein­zig­ar­ti­gen Flair. Hinzu kommt die köl­sche Art, jeden Frem­den sofort in die Gemein­schaft auf­zu­neh­men. Man fühlt sich wohl in die­sem Veedel.

Alle diese Dinge waren mir natür­lich gänz­lich unbe­kannt, als ich im April 2006 die Woh­nung mei­nes Arbeits­kol­le­gen über­nahm. Die Woh­nung war objek­tiv betrach­tet ein Witz. Ein dunk­les Loch im Erd­ge­schoss, das Schlaf­zim­mer zur Straße raus, hin­ten immer­hin ein klei­nes Stück Ter­rasse mit unver­bau­ba­ren Blick auf eine Mauer drei Meter davor. Es zog wie Hecht­suppe, meine Heiz­kos­ten waren enorm. Wobei, min­des­tens ein­mal pro Jahr fiel die Gastherme aus, vor­zugs­weise, wenn es drau­ßen beson­ders kalt war. Aber ich merkte den­noch schnell: Hier bist du rich­tig. Der Volks­gar­ten war ein paar Meter ent­fernt, in zwei Minu­ten war ich am Chlod­wig­platz, wo ich die Bah­nen und Busse bestei­gen konnte, die mich in Win­des­eile über­all hin brach­ten. Und wenn ich nachts keine Bahn mehr bekam, konnte ich in einer Vier­tel­stunde trotz­dem bequem nach Hause lau­fen. Es waren meine auto­lo­sen Jahre.

Auf ein Auto kann man in der Süd­stadt aber nicht nur auf­grund der guten ÖPNV-Anbindung ver­zich­ten. Ers­tens ist die Park­si­tua­tion – euphe­mis­tisch aus­ge­drückt – kata­stro­phal, zwei­tens kann man sich auch finan­zi­ell kein Fahr­zeug mehr leis­ten, wenn man dort Miete zah­len muss. Die Süd­stadt ist enorm teuer. Selbst für mein viel­fach als Schnäpp­chen bezeich­ne­tes, unre­no­vier­tes 43-Quadratmeter-Loch zahlte ich knapp fünf­hun­dert Euro pro Monat, Gas­kos­ten exklu­sive. Das ist dann wohl auch der Grund, warum ich dort nie wie­der woh­nen werde. Was sehr schade ist.