Die aktuelle Hitzewelle drückt auf das Gemüt und lässt uns unweigerlich fragen: Ist das nur der normale Sommer, ist das Klimawandel oder steckt noch mehr dahinter? Beim Blick auf globale Wetterdaten wird schnell klar, dass sich da was zusammenbraut. Tausende Kilometer entfernt von uns braut sich dieses Jahr wieder ein El Niño zusammen. Vielleicht sogar ein besonders krasser. Ich versuche im Folgenden mal darzustellen, warum ein Ereignis im Pazifik was mit uns in Europa zu tun hat und warum es alles noch schlimmer macht als es eh schon ist.
Das Phänomen El Niño
Um El Niño zu verstehen, müssen wir uns zunächst den Normalzustand des Pazifiks ansehen. Normalerweise wehen im äquatorialen Pazifik starke Passatwinde von Osten nach Westen. Diese Winde schieben das warme Oberflächenwasser von der Küste Südamerikas weg und stauen es im westlichen Pazifik auf, vor Indonesien und Australien.

Bei El Niño wird dieses System gestört. Das passiert alle zwei bis acht Jahre, zuletzt 2023/24 und mit hoher Wahrscheinlichkeit schon diese Saison wieder. Die Passatwinde schwächen sich dann signifikant ab oder kehren sich sogar um. Als Folge schwappt die gigantische Warmwasserblase, die zuvor im Westen geparkt war, wie eine riesige, träge Welle quer über den Pazifik zurück nach Osten, direkt vor die Küste Perus und Ecuadors. Die Oberflächentemperatur des Ozeans in dieser Region steigt deutlich an.
Dieses überhitzte Meeresareal bleibt nicht isoliert. Der Ozean steht in einem permanenten, intensiven Austausch mit der Atmosphäre. Wo das Wasser extrem warm ist, verdunstet mehr Wasser, und gewaltige Mengen an Energie werden in die Luft abgegeben. Das verändert die globalen Luftdrucksysteme und bringt die Jetstreams (die großen Höhenwinde) aus dem Takt. Die Folge ist ein weltweiter Dominoeffekt: Während Australien und Südostasien unter extremen Dürren leiden, versinken Teile Südamerikas in sintflutartigen Regenfällen.
Warum es bei uns heißer wird
Was hat das alles mit uns zu tun? Die direkten meteorologischen Auswirkungen von El Niño auf Europa sind historisch gesehen eher subtil und oft verzögert. Ein direkter Auslöser für die aktuelle Hochdrucklage über Deutschland ist der kommende El Niño nicht.
Die Verbindung ist globaler und gravierender. Wenn Millionen von Quadratkilometern Ozean plötzlich deutlich wärmer sind als im langjährigen Durchschnitt, wird gigantische Wärmeenergie freigesetzt. El Niño wirkt global wie ein überdimensionaler Heizlüfter, der die durchschnittliche Temperatur der gesamten Atmosphäre kurzzeitig nach oben treibt.
Die aktuelle Hitzewelle, die wir spüren, ist zwar primär das Ergebnis des langfristigen, menschengemachten Klimawandels, kombiniert mit einer stationären, blockierenden Wetterlage. Aber El Niño kommt jetzt als Verstärker ins Spiel. Er wirkt wie ein Brandbeschleuniger, der Benzin in ein ohnehin loderndes Feuer gießt. Die Kombination aus der langfristigen Erwärmung und dem frischen El-Niño-Schub wird die globalen Temperaturen in diesem und dem kommenden Jahr mit hoher Wahrscheinlichkeit auf neue historische Rekordwerte treiben.
Wir erleben keine völlig neue Physik, aber wir erleben ein natürliches Phänomen, das in einer bereits künstlich aufgeheizten Welt stattfindet. El Niño zeigt uns deutlich, wie vernetzt unser Planet ist. Ein Nachlassen der Winde vor der Küste Perus verändert die statistischen Wahrscheinlichkeiten für extremes Wetter – und bestimmt am Ende mit, wie stark wir in unseren Breiten im Sommer schwitzen müssen.
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Beitragsbild: Bayu Syaits/Unsplash


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