Ich mache mir derzeit wieder etwas mehr Gedanken über das AT-Protokoll, das technische Fundament hinter Bluesky. Lange Zeit war meine Haltung dazu von einer gesunden Skepsis geprägt, die vermutlich viele im Fediverse teilen: Da sind zum einen diese windigen Investoren im Hintergrund, die irgendwann Geld sehen wollen. Zum anderen hatte ich – geprägt durch sehr selbstsichere Gesprächspartner in der Vergangenheit und ehrlicherweise zu wenig tiefes eigenes Interesse – die feste Überzeugung, dass das Protokoll echte Dezentralität gar nicht hergibt. Ich dachte, man könne zwar seine Daten auf einem eigenen Personal Data Server (PDS) lagern, aber die tieferen, entscheidenden Schichten der Infrastruktur würden unweigerlich zentralisiert bleiben.
Der Besuch auf der re:publica und die dortigen Diskussionen haben dieses Bild ins Wanken gebracht. Ich habe dort unter anderem Sebastian von Eurosky zugehört, was mir ein echtes Grundvertrauen in seine Institution gegeben hat. So viel Vertrauen sogar, dass ich meinen Hauptaccount inzwischen auf den Eurosky-PDS umgezogen habe. Diese und weitere Impulse lassen mich langsam verstehen: Hinter Bluesky steckt, ungeachtet der kommerziellen Interessen der Hauptentwickler, eine wirklich gute Idee, die tatsächliche Dezentralität erlauben kann. Doch sie erlaubt sie nur mit extrem viel Einsatz und Mühen. Genau diese Mühen gibt sich Eurosky derzeit, auch wenn sie da strukturell sicherlich noch einen weiten Weg vor sich haben.

Mein eigener PDS
Wie einfach zumindest der Einstieg ist, habe ich vor Kurzem im Selbstversuch gemerkt. Ich habe mir spaßeshalber einen eigenen PDS aufgesetzt. Wenn man grundlegende Kenntnisse im Serverbetrieb besitzt und weiß, wie man einen Docker-Container startet, ist das erstaunlich unkompliziert.
Das Problem ist nur: Ein eigener PDS ist noch nicht einmal die halbe Miete. Genau darin liegt auch die latente Gefahr des AT-Protokolls, die Jan Montag in seinem treffenden Beitrag beschreibt. Am Ende droht das Ganze durch die enorme Komplexität der restlichen Infrastruktur-Schichten eben doch wieder ein sehr zentralisierter Dienst zu werden. Es ist die gute Idee, die dir trotz allem wieder weggenommen werden kann, weil die Hürden für den echten, unabhängigen Betrieb der Meta-Ebenen für Normalsterbliche zu hoch sind.
Aber sind wir im Fediverse eigentlich so viel sicherer vor dieser Dynamik? Wie decisaias auf Mastodon völlig zurecht anmerkte, krankt auch unser ach-so-dezentrales Fediverse an einer ganz ähnlichen Realität: Ein riesiger Teil der Instanzen läuft am Ende des Tages dann doch über die Server von Hetzner.
Wenn man ehrlich ist, hängt am Ende eben immer alles an irgendwem. Je komplizierter oder teurer eine Technologie im Betrieb wird, desto enger wird die Auswahl an Dienstleistern. Man rutscht fast automatisch in neue Abhängigkeiten. Und mit der Komplexität steigen die Kosten, was die fundamentale Frage nach der Einnahmenseite und der langfristigen Finanzierung auch im dezentralen Raum wieder vollkommen offen lässt.
Die Neugier bleibt
Am Ende stehen wir vor einem klassischen Dilemma zwischen Architektur und Nutzer:innenerfahrung. Was mich am Fediverse nach wie vor begeistert, ist die – ähnlich wie beim PDS-Betrieb – recht unaufwändige Möglichkeit, einen eigenen Server bereitzustellen, der mich sofort und ohne Umwege als gleichwertigen, dezentralen Teil des Netzwerks mitmischen lässt. Auf der anderen Seite muss man neidlos anerkennen, dass der zentralere Ansatz des AT-Protokolls eine deutlich schnellere und bessere Vernetzung mit dem Rest der Welt erlaubt. Dinge wie eine wirklich funktionierende, globale Suche, vollständige nutzerdefinierte Listen oder das unkomplizierte Bauen eigener Algorithmen sind dort möglich, während sie im Fediverse konzeptionell oft an ihre Grenzen stoßen.
Für mich bedeutet das alles, dass ich mich in nächster Zeit wieder etwas verstärkt im AT-Universum umsehen werde. Ich möchte einfach wissen, wie es sich anfühlt, was technisch geht und wie sich die Netzwerke entwickeln.
Mit dem Herzen bleibe ich trotzdem erst einmal im Fediverse.
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Beitragsbild: Panumas Nikhomkhai via Pexels


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