Großes weißes Plakat mit dem Text 'NEVER GONNA GIVE YOU UP' und einer Erde als Buchstabe 'O' in einer Industriehalle mit Personen im Hintergrund

re:publica 26

Ich war mal wie­der in Ber­lin. Und bevor ich ver­ges­se, was ich da gemacht habe, schrei­be ich es mal auf.

Drei Tage re:publica sind viel. Viel­leicht waren sie schon immer viel, aber die­ses Jahr habe ich das beson­ders gemerkt. Auf­fäl­lig war für mich, wie sehr sich vie­le The­men wie­der­hol­ten. Es ging um dezen­tra­le Netz­wer­ke, um das Fedi­ver­se, um die Fra­ge, war­um Social Media nicht mehr so funk­tio­niert wie frü­her, und dar­um, wie man sich aus den Abhän­gig­kei­ten gro­ßer Platt­for­men befrei­en kann. Das sind alles wich­ti­ge The­men, kei­ne Fra­ge. Aber es sind eben auch The­men, über die auf der re:publica seit Jah­ren gespro­chen wird. Vie­les davon hör­te sich für mich nicht falsch an, aber eben sehr bekannt.

Tag 1: Standortbestimmung und Dezentralität

Der ers­te Tag war ein Ankom­men in einer etwas klei­ne­ren re:publica. Es gab weni­ger Büh­nen, weni­ger Flä­che und ins­ge­samt etwas weni­ger von die­sem über­bor­den­den Fes­ti­val­ge­fühl. Das merkt man, aber es ist nicht nur schlecht. Ich hat­te sogar den Ein­druck, dass man sich wie­der häu­fi­ger über den Weg läuft. Vie­le bekann­te Gesich­ter waren da, ande­re fehl­ten sicht­bar. Trotz­dem war natür­lich das meis­te wie immer: laut, warm, teu­er und manch­mal ein­fach zu viel.

Digital Independence Day

Ich war in der Ses­si­on zum Digi­tal Inde­pen­dence Day (DI​.Day), rein zufäl­lig natür­lich (Sascha war Teil des Panels und über­haupt ist Bonn​.digi​tal Teil des DID). Sie pass­te gut in den Grund­ton des Tages, in dem es viel um Unab­hän­gig­keit, dezen­tra­le Struk­tu­ren und die Fra­ge ging, wie man sich aus bestehen­den Abhän­gig­kei­ten befrei­en kann. Das The­ma zog sich ohne­hin durch vie­le Gesprä­che und Ses­si­ons: Platt­for­men funk­tio­nie­ren nicht mehr so, wie sie frü­her ein­mal funk­tio­niert haben, und gleich­zei­tig ist nicht klar, ob die Alter­na­ti­ven schon trag­fä­hig genug sind.

Cory Doctorow

Bei Cory Doc­to­row ging es, wenig über­ra­schend, eben­falls um Platt­form­macht, kaput­te digi­ta­le Märk­te und die Not­wen­dig­keit, wie­der Kon­trol­le über die eige­ne digi­ta­le Umge­bung zu gewin­nen. Das ist bei ihm immer gut erzählt und ana­ly­tisch stark, aber auch hier hat­te ich das Gefühl, vie­le Argu­men­te bereits zu ken­nen. Viel­leicht ist das weni­ger ein Pro­blem der Ses­si­on als eines der Gegen­wart: Die Dia­gno­se ist seit Jah­ren klar, aber die The­ra­pie kommt nicht rich­tig voran.

Taylor Lorenz

Tay­lor Lorenz sprach erst allein und dann mit Gavin über Anony­mi­tät im Internet.

Eurosky

Sebas­ti­an Vogel­sang erzähl­te von Euro­s­ky, das Blues­ky unab­hän­gig von Ame­ri­ka machen möch­te und seit eini­gen Wochen schon den Daten­ser­ver dazu anbie­tet. Wei­te­re Schrit­te wer­den fol­gen. Ich fand es schön, dass er nicht nur das dahin­ter­lie­gen­de AT-Protokoll als dezen­tra­le Mög­lich­keit benann­te, son­dern auch das ActivityPub-Protokoll erwähn­te. Ich merk­te aber auch, wie schwer es wird, das alles einer nor­mal­sterb­li­chen Per­son ver­ständ­lich zu erklären.

Live-Aufzeichnung von „Haken dran“

Als „Haki“ war die Live-Aufzeichnung der Pfingstmontag-Episode natür­lich Pflicht. Gavin Karl­mei­er, Nico­le Diek­mann und Den­nis Horn war­fen sich mal pro­vo­kan­te­re, mal lus­ti­ge­re The­sen an die Köp­fe und dis­ku­tier­ten darüber.

Johannes Mirus :verified:

Und das waren die mei­ner Mei­nung nach steils­ten The­sen die­ser Auf­zeich­nung:
• Algo­rith­men sind super.
• Lin­ke­dIn wird das neue Face­book – und nie­mand merkt es, weil alle so tun, als wäre es Arbeit.
• Mar­kus Söder hat alles rich­tig gemacht.

@haken­dran @gavin­karl­mei­er @nico­le­diek­mann @den­nis­horn

Auf der Bühne findet eine Podiumsdiskussion mit drei Referenten statt. Auf einer großen Leinwand im Hintergrund ist ein Text in deutscher Sprache zu sehen, der lautet: „LinkedIn wird das neue Facebook – und niemand merkt es, weil alle so tun, als wäre es Arbeit.“ Auf der Bühne findet eine Podiumsdiskussion mit drei Referenten statt. Auf einer großen Leinwand im Hintergrund ist ein Text in deutscher Sprache zu sehen, der lautet: „Markus Söder hat alles richtig gemacht.“ Auf der Bühne findet eine Podiumsdiskussion mit drei Referenten statt. Auf einer großen Leinwand im Hintergrund ist ein Text in deutscher Sprache zu sehen, der lautet: „Algorithmen sind super.“
18. May 2026, 18:18 0 Boosts 4 Favo­ri­ten

Tag 2: Digitale Souveränität, digitaler Euro und die Hoffnung des Bloggens

Der zwei­te Tag war für mich stär­ker von Gesprä­chen geprägt als von klas­si­schen Büh­nen­ses­si­ons. Das ist oft der bes­te Teil der re:publica: Man setzt sich irgend­wo dazu, bleibt an einem Stand hän­gen oder läuft jeman­dem über den Weg, und plötz­lich ent­steht ein Gespräch, das inter­es­san­ter ist als vie­les im Pro­gramm. Inhalt­lich blieb auch die­ser Tag stark bei digi­ta­ler Sou­ve­rä­ni­tät, offe­nen Infra­struk­tu­ren und der Fra­ge, wie man aus Abhän­gig­kei­ten her­aus­kommt. Aber er hat­te mehr Wär­me, mehr Begeg­nung und eini­ge der bes­se­ren Momen­te der gan­zen Veranstaltung.

Gespräche am Stand von Digitalcourage

Der Tag begann mit län­ge­ren Gesprä­chen am Stand von Digi­tal­cou­ra­ge. Wir spra­chen über digi­ta­le Sou­ve­rä­ni­tät, über das Fedi­ver­se und über die Fra­ge, wie man digi­ta­le Infra­struk­tu­ren unab­hän­gi­ger, offe­ner und nach­hal­ti­ger gestal­ten kann. Irgend­wann ging es dann plötz­lich um Kir­chen und dar­um, wie sehr sie unser sozia­les Leben vor Ort beein­flus­sen. Man weiß halt nie, wo man lan­det, aber genau das macht sol­che Gesprä­che so wertvoll.

Digitaler Euro

Dann beschäf­tig­te ich mich mit dem digi­ta­len Euro. Er wird kom­men, und er wird unser Leben beein­flus­sen. Gleich­zei­tig merk­te ich erneut, wie erklä­rungs­be­dürf­tig die­ses The­ma ist und wie viel Wider­stand es ver­mut­lich erzeu­gen wird. Denn im Gegen­satz zum ana­lo­gen Euro gibt es beim digi­ta­len Euro kei­ne ech­te Anony­mi­tät. Es gibt dafür Ver­spre­chen von Kos­ten­er­spar­nis, Effi­zi­enz und euro­päi­scher Unab­hän­gig­keit im Zah­lungs­ver­kehr. Außer­dem gibt es die Hoff­nung, ein paar Markt­an­tei­le von Pay­Pal und ande­ren Zah­lungs­dienst­leis­tern zurück­zu­ho­len. Ob das als posi­ti­ve Erzäh­lung aus­rei­chen wird, bezweif­le ich aller­dings. Für vie­le Men­schen dürf­te vor allem hän­gen blei­ben, dass digi­ta­les Bezah­len staat­li­cher oder zumin­dest staat­lich orga­ni­sier­ter wird, ohne dabei die Anony­mi­tät des Bar­gelds mitzunehmen.

Felix Schwenzel

Ein Höhe­punkt des Tages wäre für mich bestimmt Felix Schwen­zel gewe­sen. Aber ich hör­te nichts, ich sah nichts, der klei­ne Bereich vor dem „Ener­gie­mo­bil“ war hoff­nungs­los über­füllt. War­um gibt man einem Felix Schwen­zel kei­ne ordent­li­che Büh­ne? Das ist doch kei­ne Neu­ig­keit, dass vie­le Republicaner:innen ihn sehen wol­len! Zum Glück ist Felix Blog­ger, sodass man sei­nen Bei­trag auch nach­le­sen kann.

Der Fall HateAid

Sehr bewe­gend war die Ses­si­on „Wer hat die Macht im Netz: Der Fall Hate­Aid“. Was die bei­den dort berich­te­ten, war ein­drück­lich. Eben­so wich­tig fand ich aber die Bot­schaft, die sie dar­aus ablei­te­ten: Macht euch unab­hän­gi­ger von ame­ri­ka­ni­schen Platt­for­men und Diens­ten. Recla­im the Inter­net. Nutzt Open Source, mög­lichst von Anfang an! Die Umstel­lung der eige­nen Soft­ware­land­schaft kos­tet Hate­Aid nach eige­ner Aus­sa­ge bis zu einer Mil­li­on Euro. Das ist eine Zahl, die sehr deut­lich macht, wie teu­er Abhän­gig­kei­ten wer­den kön­nen. Am Ende gab es Stan­ding Ova­tions, und die waren verdient.

Sabrias Salon

Danach war ich bei Sab­ria David. Für eine Fern­seh­auf­zeich­nung wur­den noch Schnitt­bil­der benö­tigt und als Deko füh­le ich mich geeig­net. Im impro­vi­sier­ten Salon inmit­ten des Cowor­king­be­reichs der re:public saßen eine Hand­voll Per­so­nen, die sich zwei Geschich­ten aus Sab­ri­as Buch anhör­ten und dar­über dis­ku­tier­ten, wäh­rend uns gele­gent­lich eine Kame­ra vor die Nase gehal­ten wur­de. Die Aus­strah­lung soll am 11. Novem­ber bei 3sat sein. Es war eine sehr lus­ti­ge und ange­neh­me Abwechs­lung im Konferenzbetrieb.

Bloggertreffen: „Hoffnung bloggen“

Im Anschluss fand das zwei­te Blog­ger­tref­fen der re:publica statt, ich hat­te das ers­te am Vor­abend aller­dings wegen Haken dran ver­passt. Auf Ein­la­dung von Tho­mas Rie­del dis­ku­tier­ten etwa zwan­zig Men­schen über das The­ma „Hoff­nung blog­gen“. Es ging dar­um, war­um wir über­haupt noch blog­gen, was uns dar­an wich­tig ist und was Hoff­nung gibt, dass die­se Kul­tur­tech­nik nicht ausstirbt.

Ich per­sön­lich glau­be tat­säch­lich, dass Blogs wie­der mehr Auf­merk­sam­keit bekom­men kön­nen. Nicht als nost­al­gi­sche Rück­kehr in eine ver­meint­lich bes­se­re Ver­gan­gen­heit, son­dern weil sich Blogs heu­te wie­der anders in sozia­le Netz­wer­ke ein­bin­den las­sen. Durch das Fedi­ver­se und ande­re offe­ne Struk­tu­ren müs­sen Blogs nicht mehr nur dar­auf hof­fen, dass Besu­che­rin­nen und Besu­cher von Platt­for­men zu ihnen wei­ter­ge­lei­tet wer­den. Sie kön­nen selbst Teil sozia­ler Medi­en sein, ohne ihre Eigen­stän­dig­keit aufzugeben.

Chrrp​.eu

(Video folgt?)

Spä­ter führ­ten wir noch eini­ge Gesprä­che, bevor es zu Jan Kus ging, der mit Chrrp einen gevi­be­code­ten Twitter-Klon ins Leben geru­fen hat. Er erzähl­te, war­um er das gemacht hat, wie er es umge­setzt hat und was er damit vor­hat. Gera­de der letz­te Punkt blieb aller­dings etwas offen. Die Finan­zie­rung ist unge­klärt, die Nut­zer­zah­len sta­gnie­ren, und so rich­tig scheint noch nicht ent­schie­den zu sein, wel­che Rol­le Chrrp künf­tig spie­len soll.

Anschlie­ßend gab es noch ein Follower-Treffen der anwe­sen­den Chrrper:innen, das sich schnell zu einem Herumstehen-und-mit-vielen-verschiedenen-Menschen-reden ent­wi­ckel­te. Am Ende dann auch noch ein­mal sehr inten­siv mit Jan, das hat mir gut gefal­len und war ins­ge­samt der für mich sozi­als­te Teil der gesam­ten re:publica 2026.

Tag 3: Journalismus und Politik

Der drit­te Tag über­rasch­te mich inso­fern, als er tat­säch­lich noch eini­ge Pro­gramm­punk­te bot, die den Auf­ent­halt recht­fer­tig­ten. Ich fand eigent­lich immer, dass die re:publica einen Tag zu lang ist, aber die­ses Jahr war der drit­te Tag inhalt­lich stär­ker, als ich erwar­tet hat­te. Gleich­zei­tig war mei­ne Auf­nah­me­fä­hig­keit inzwi­schen ziem­lich begrenzt. Es war der Tag, an dem ich häu­fi­ger irgend­wo saß, weil ich sit­zen woll­te, und dann doch noch etwas Inter­es­san­tes mitbekam.

Digitale Souveränität: Das Bullshit Bingo

So rutsch­te ich eher zufäl­lig in die Ses­si­on „Digi­ta­le Sou­ve­rä­ni­tät: Das Bull­shit Bin­go“ von Marielle-Sophie Düh und Julia Poh­le. Das For­mat war ganz unter­halt­sam: The­sen zur digi­ta­len Sou­ve­rä­ni­tät wur­den als Quiz prä­sen­tiert und anschlie­ßend erläu­tert. Inhalt­lich war für mich aller­dings wenig Neu­es dabei. Das lag nicht an der Ses­si­on selbst, son­dern eher dar­an, dass ich mich mit dem The­ma schon lan­ge beschäf­ti­ge und vie­le Argu­men­te inzwi­schen sehr ver­traut klingen.

Nachrichten auf Insta & Co.

Inter­es­san­ter fand ich danach „Nach­rich­ten auf Ins­ta & Co.: Zwi­schen Social-Media-Druck und jour­na­lis­ti­scher Sorg­falt“ mit Alex­an­dra Ber­lin, Sophie von der Tann und Regi­na Stef­fens. Die zwei Aus­lands­kor­re­spon­den­tin­nen Ber­lin (Der Spie­gel) und von der Tann (ARD), die man durch­aus ken­nen kann, spra­chen dar­über, war­um sie Insta­gram für ihre Bericht­erstat­tung nutzen.

Die Grün­de waren wenig über­ra­schend: Sie kön­nen dort per­sön­li­che Per­spek­ti­ven ein­brin­gen, ande­re Aspek­te ihrer Arbeit zei­gen, Zusam­men­hän­ge erklä­ren und Ziel­grup­pen errei­chen, die klas­si­sche Nach­rich­ten­for­ma­te viel­leicht nicht mehr errei­chen. Gleich­zei­tig wur­de deut­lich, wie viel Arbeit das bedeu­tet. Social Media pas­siert nicht ein­fach neben­her. Es braucht Zeit, Pla­nung, redak­tio­nel­le Ver­ant­wor­tung und Unterstützung.

Sophie von der Tann for­mu­lier­te es sehr klar: Das ist Arbeits­zeit. Social Media gehört für moder­ne Journalist:innen dazu. Bemer­kens­wert fand ich, dass bei­de von ihren Arbeitgeber:innen Unter­stüt­zung dafür erhal­ten. Das ist wich­tig, weil sonst schnell der Ein­druck ent­steht, jour­na­lis­ti­sche Social-Media-Arbeit müs­se ein­fach zusätz­lich und irgend­wie pri­vat erle­digt werden.

Jessica Burbank

Danach woll­te ich mich eigent­lich nur kurz im Dun­keln der Stage 1 aus­ru­hen und lan­de­te bei Jes­si­ca Bur­bank mit „Why the Right is Win­ning the ‘For You’ Page and How to Hack it Back“. Sie erzähl­te sehr elo­quent von ihrer Erfah­rung im Haus­tür­wahl­kampf für Ber­nie Sanders.

Dabei wur­de noch ein­mal deut­lich, wie anstren­gend es ist, Men­schen im direk­ten Gespräch poli­tisch zu über­zeu­gen, und wie wich­tig die­se Arbeit trotz­dem bleibt. Gleich­zei­tig beschrieb sie, wie Social Media ihr ermög­licht, mit wei­ter­hin hohem, aber ver­gleichs­wei­se gerin­ge­rem Auf­wand sehr vie­le Men­schen zu errei­chen. Für sie war Social Media nicht nur ein Ver­brei­tungs­ka­nal, son­dern über­haupt erst die Vor­aus­set­zung dafür, poli­ti­sche Arbeit in die­ser Form machen zu kön­nen. Ihre Bot­schaft war klar: Die Rech­ten gewin­nen auf den Platt­for­men nicht zufäl­lig, und man soll­te ihnen die­se Räu­me nicht kampf­los überlassen.

Wie souverän ist Open Source wirklich?

Weni­ger über­zeu­gend fand ich die Lightning-Session „Wie sou­ve­rän ist Open Source wirk­lich?“. Sie hat­te für mich lei­der star­ke Vor­le­sungs­vi­bes eines re:publica-Partners. Gelernt habe ich wenig, außer dass es ohne die Pro­duk­te des Wer­be­trei­ben­den offen­bar kei­ne rich­ti­ge Lösung zu geben scheint. Das ist ver­mut­lich etwas über­spitzt for­mu­liert, aber genau die­ses Gefühl blieb bei mir hängen.

Daniel Günther und eine Runde über Ostdeutschland

Spä­ter bekam ich noch die zwei­te Hälf­te einer Run­de mit Dani­el Gün­ther und ande­ren mit. Es soll­te wohl um Ost­deutsch­land gehen, dafür lädt man natür­lich den schleswig-holsteinischen Minis­ter­prä­si­den­ten ein. In die­ser Günther-Show warf er ver­schie­de­ne poli­ti­sche Ver­satz­stü­cke in den Raum, von denen eini­ge im Publi­kum gut anka­men, etwa die Stär­kung von CSDs oder die Regu­lie­rung sozia­ler Medi­en. Ande­re Punk­te misch­te er eher bei­läu­fig dar­un­ter, zum Bei­spiel die For­de­rung nach einer Klar­na­men­pflicht im Inter­net. Gera­de sol­che Momen­te machen mich miss­trau­isch: Zwi­schen all­ge­mein zustim­mungs­fä­hi­gen Aus­sa­gen tau­chen plötz­lich alte auto­ri­tä­re Lieb­lings­ideen wie­der auf.

Karl Lauterbach und Katharina Dröge

Zum Abschluss sah ich noch Karl Lau­ter­bach und Katha­ri­na Drö­ge in einer Dis­kus­si­on dar­über, war­um Lau­ter­bach wei­ter­hin auf X ist, obwohl sei­ne Par­tei die Platt­form wie­der ein­mal ver­las­sen hat. Lau­ter­bach brach­te dabei kei­ne neu­en Argu­men­te. Im Kern blieb es bei der bekann­ten Begrün­dung, man müs­se dort sein, um dage­gen­zu­hal­ten. Für mich klingt das aller­dings immer weni­ger über­zeu­gend und immer stär­ker nach: Ich habe dort eine Mil­li­on Fol­lower und möch­te sie nicht verlieren.

Drö­ge hielt ihm ent­ge­gen, dass eine hohe Fol­lo­wer­zahl nicht mehr auto­ma­tisch hohe Reich­wei­te bedeu­te. Lau­ter­bach schien das kaum glau­ben zu kön­nen und über­prüf­te es noch auf der Büh­ne. Wider­spruch kam danach kei­ner, sei­ne Mei­nung änder­te er aber trotz­dem nicht.

Mann in blauem Anzug und rotem Pullover sitzt mit gekreuzten Beinen und hält ein Smartphone und ein Mikrofon in den Händen
Karl Lau­ter­bach über­prüft sei­ne X-Reichweite

Mich beschäf­tigt dar­an weni­ger, dass ein­zel­ne Poli­ti­ke­rin­nen oder Poli­ti­ker unter­schied­li­che Platt­form­stra­te­gien haben. Mich beschäf­tigt, wie viel Repu­ta­ti­on jemand wie Lau­ter­bach einer Platt­form ver­leiht, die rechts­ra­di­ka­le Inhal­te stärkt, ein­sei­tig mode­riert, den poli­ti­schen Dis­kurs nach­weis­lich ver­schiebt und tech­nisch wie poli­tisch immer pro­ble­ma­ti­scher gewor­den ist. Der hal­be Saal mach­te vor­ab Sel­fies mit dem Poli­tik­star, er hat also gesell­schaft­li­che Macht und nutzt sie lei­der nicht bzw. falsch.

Fazit: Schön war es, aber inhaltlich bleibt wenig

Ich fand eigent­lich schon immer, dass die re:publica einen Tag zu lang ist. Die­ses Jahr hat­te ich zum ers­ten Mal das Gefühl, dass auch der drit­te Tag noch Inhal­te bot, die einen Auf­ent­halt recht­fer­tig­ten. Trotz­dem wür­de ich kei­ne wei­te­re Nacht in Ber­lin dran­hän­gen. Drei Tage sind genug, und für mich waren sie die­ses Jahr mehr als genug.

Inter­es­sant fand ich, dass Künst­li­che Intel­li­genz nicht das alles domi­nie­ren­de The­ma war. Natür­lich kam KI vor, natür­lich wur­de dar­über gespro­chen, aber es war nicht die gro­ße Über­schrift über allem – die re:publica ist halt nicht die OMR.

Schön war es vor allem, „mei­ne“ Com­mu­ni­ty wie­der so geballt und in guter Stim­mung zu tref­fen. Ich habe vie­le bekann­te Gesich­ter gese­hen, gute Gesprä­che geführt, viel gelacht und mich sehr dar­über gefreut, dass es die­se Zusam­men­künf­te noch gibt. Das ist nicht wenig. Viel­leicht ist es sogar der wich­tigs­te Grund, wei­ter­hin zur re:publica zu fahren.

Gleich­zei­tig war ich noch nie so müde auf einer re:publica. Das ist natür­lich zunächst mein per­sön­li­ches Pro­blem, aber es passt zu mei­nem Gesamt­ein­druck. Inhalt­lich neh­me ich schon seit län­ge­rer Zeit nicht mehr beson­ders viel mit. Nichts, was ich in die­sem Jahr gehört habe, war wirk­lich neu für mich oder gab mir nach­hal­tig zu denken.

Die Dia­gno­se tei­len vie­le: Alles ist schwie­rig, vie­les ist kaputt, die Platt­for­men sind pro­ble­ma­tisch, Abhän­gig­kei­ten sind gefähr­lich, die demo­kra­ti­sche Öffent­lich­keit steht unter Druck. Auch die mög­li­chen Ant­wor­ten wer­den seit Jah­ren dis­ku­tiert: offe­ne Stan­dards, Open Source, Fedi­ver­se, digi­ta­le Sou­ve­rä­ni­tät, euro­päi­sche Infra­struk­tu­ren, Medi­en­kom­pe­tenz, Regu­lie­rung. Aber geän­dert hat sich den­noch erstaun­lich wenig.

Das ein­zi­ge halb­wegs neue The­ma, ein mög­li­ches Social-Media-Verbot für Kin­der und Jugend­li­che, brach­te in den Panels lei­der eben­falls kei­ne neu­en Argu­men­te. Weder dafür noch dage­gen. Natür­lich ist alles kom­plex und ein­fa­che Ant­wor­ten wären ver­mut­lich falsch. Aber es gab ein­mal Zei­ten, da war die re:publica für mich ein Wach­ma­cher. Man fuhr nach Hau­se und hat­te das Gefühl, neue Gedan­ken mit­zu­neh­men, ande­re Fra­gen zu stel­len oder wenigs­tens ein biss­chen anders auf das kom­men­de Jahr zu schau­en. Die­ses Mal war ich vor allem froh, wie­der nach Hau­se zu können.

Vie­len Dank fürs Lesen! Du möch­test mir etwas Gutes tun? Du möch­test kei­nen Bei­trag mehr ver­pas­sen? Hier fin­dest alle Infor­ma­tio­nen dazu! Mei­nen gro­ßen Dank schi­cke ich dir schon vorab: 💜

Reaktionen aus dem Fediverse

5 Kommentare

  1. Sagen wir mal so: Du wirst nicht jün­ger und irgend­wann kommt man an den Punkt, an dem man alles schon ein­mal gehört hat und sich nur noch ärgert, war­um immer noch nur gere­det, aber nicht gehan­delt wird. Und das macht zugleich unsag­bar müde ...

    1. Ja, du hast wahr­schein­lich recht. 🙃

  2. Die­ser Bei­trag wur­de über das neue ATmosphere-Plugin von Auto­mat­tic nach Blues­ky geschos­sen. Die­ser Kom­men­tar soll­te nun auch in mei­nem Blog auftauchen.

  3. Dan­ke fürs Schreiben 😊

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