Ich liebe Fußball. Wer mein Blog ein wenig durchstöbert, merkt das schnell. Früher habe ich hier auch intensiv jede Europa- und Weltmeisterschaft begleitet. Doch seit etlichen Jahren entfremden wir uns. So richtig bewusst wurde mir das wohl zum ersten Mal im Sommer 2021 bei der pandemiebedingt verschobenen Europameisterschaft 2020. Während das komplette öffentliche Leben stillstand und Millionen Menschen zu Hause isoliert waren, musste die gigantische Geldmaschine Fußball um jeden Preis weiterrollen. Das war der Moment, in dem die Risse in unserer Beziehung unübersehbar wurden.
Dazu kommt der sportliche Niedergang des deutschen Teams, der die Entfremdung vermutlich beschleunigt hat. Sicher, bei der Heim-EM 2024 keimte kurz so etwas wie Freude auf, aber blickt man ehrlich zurück, befindet sich die deutsche Männer-Nationalmannschaft seit dem WM-Titel 2014 auf einem stetig absteigenden Ast. Dieses Jahr, bei dieser monströsen Weltmeisterschaft 2026, hat meine persönliche Turnierverdrossenheit einen vorläufigen Höhepunkt erreicht. Vorläufig deshalb, weil das System dahinter so kaputt ist, dass selbst diese Auswüchse sicherlich noch getoppt werden können.
Zu viel Politik, zu viel Technik
Die Vorfälle in diesem Sommer sprechen eine deutliche Sprache. Da wird dem somalischen Unparteiischen Omar Artan, der kurz zuvor noch als Afrikas bester Schiedsrichter ausgezeichnet wurde, trotz Visums die Einreise in die USA verweigert. Die iranische Delegation durfte wegen der strengen Einreisebeschränkungen der Trump-Regierung nicht einmal für Übernachtungen im Land bleiben, was das Team zu logistischen Absurditäten und einem Basislager in Mexiko zwang. Und als ob das nicht reicht, mischt sich Donald Trump persönlich ein, telefoniert mit Gianni Infantino und sorgt dafür, dass die obligatorische Sperre nach einer Roten Karte für US-Stürmer Folarin Balogun einfach gestrichen wird. Politischer Druck hebelt sportliche Disziplinarregeln aus – offensichtlicher geht es kaum noch.
Dass am Ende dieses gigantisch aufgeblähten Turniers mit 48 Teams die aktuellen Top vier der FIFA-Weltrangliste die beiden Halbfinalspiele bestritten, entlarvt das ganze Brimborium. All die zusätzlichen Spiele haben letztlich keine echten sportlichen Überraschungen gebracht. Stattdessen bekamen wir verordnete, dreiminütige Trinkpausen in jedem Spiel aufgebrummt, die den Spielfluss in vier Viertel zerstückeln. Angeblich zum Hitzeschutz, auch in voll klimatisierten Stadien, in Wahrheit aber ein perfektes Zeitfenster für zusätzliche TV-Werbung und Taktik-Besprechungen der Trainer, das sich wohl bald als Standard etablieren wird.
Und die totale Übertechnisierung macht das Spiel vermeintlich fairer, raubt ihm aber jede Spontaneität. Absurd wird es, wenn im Viertelfinale zwischen England und Norwegen der Ball sichtlich ein Kameraseil berührt, was die Flugbahn ändert, die FIFA aber stur auf ihren Chip im Ball verweist, der angeblich nichts gemessen hat, und das eigentlich irreguläre Tor zählen lässt.
Ein System ohne Notausgang
Wie es besser werden kann? Vermutlich überhaupt nicht. Es ist systemimmanent, dass ein globaler Monopolverband wie die FIFA, der quasi den gesamten Weltfußball kontrolliert, extrem anfällig für Korruption, politischen Einfluss und Sonderwünsche ist. Je größer und teurer diese Turniere für die Ausrichter werden, desto williger beugt sich der Verband den Bedingungen der Gastgeber.
Einen großen Knall oder gar einen echten Neuanfang erwarte ich nicht. Dafür fließt einfach noch zu viel Geld. In den kommenden acht Jahren, bis zur sicher richtig fair vergebenen WM in Saudi-Arabien, wird sich an dieser Richtung wohl nichts ändern. Es ist der konsequente, traurige Pfad eines Sports, der sich selbst längst verloren hat, während die Fans still und leise weiter auf Distanz gehen.
Beitragsbild: Dar ius/Pexels


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