Ein Papierschild hängt an einer Tür. Darauf steht: Over capacity!

Drei inten­si­ve Tage in Ber­lin lie­gen hin­ter mir. Wie immer war die Repu­bli­ca ein rie­si­ges Ereig­nis, das mich Tag und Nacht beschäf­tig­te, das mir kaum eine Pau­se gönn­te. Aber war­um auch, genau des­halb kom­men wir doch alle ein­mal im Jahr nach Ber­lin, auch wenn wir sonst viel­leicht sogar ganz nah bei­ein­an­der woh­nen. Nur wäh­rend der Repu­bli­ca sind näm­lich so vie­le Men­schen aus dem Inter­net an einem Ort ver­sam­melt, nur Anfang Mai lernt man Dut­zen­de neue Men­schen ken­nen, nur hier bekommt man neue Ide­en, schmie­det neue Plä­ne und kon­kre­ti­siert bestehen­de.

Der Hintergrund des Namensschildes glänzt, darauf ist in kleinen schwarzen Buchstaben kontrastarm mein Name gedruckt
Das Namens­schild sieht gut aus, ist lei­der aber nur schwer les­bar

2016 fei­er­te die Repu­bli­ca ihr Zehn­jäh­ri­ges. Für mich war es die fünf­te in Fol­ge und so bin ich auch mit der Sta­ti­on als Ver­an­stal­tungs­ort „groß gewor­den“. Zum ers­ten Mal jedoch fah­re ich nicht auf einer Woge von Eupho­rie und Endor­phi­nen nach Hau­se.

Ver­steht mich nicht falsch, die Repu­bli­ca ist immer noch die mit Abstand wich­tigs­te Ver­an­stal­tung in mei­nem Kalen­der. Aber irgend­wie ist der Lack ab. Das merk­te ich schon letz­tes Jahr. Da habe ich mir noch gedacht, das wäre die Ruhe vor dem Sturm, die Orga­ni­sa­to­ren wür­den mal durch­at­men, um bei der zehn­ten Aus­ga­be so rich­tig zuzu­schla­gen. Aber die­se Hoff­nung bestä­tig­te sich lei­der nicht.

Gut gedacht, schlecht gemacht

An vie­len Stel­len merk­te man der Orga­ni­sa­ti­on an, dass sie sich gute Sachen gedacht hat, die aber in der Pra­xis schlecht umge­setzt wur­den. Das fängt schon bei den Namens­schil­dern an, die für uns Speaker grau auf sil­ber bedruckt waren. Das sieht sty­lisch aus, war aber nur von Nahem les­bar. „Nor­ma­le“ Besu­cher beka­men wei­ße Auf­kle­ber auf die glän­zen­de Unter­la­gen, die mit dicken schwar­zen Buch­sta­ben bedruckt waren. – Naja, jeden­falls, bis die Schil­der aus­gin­gen und eine Zeit lang Nach­züg­ler kei­ne Bad­ges mehr erhiel­ten.

Oder die neu­en Light­ning Talks, von denen ich auch einen hal­ten durf­te. Gedacht als eher klei­ne Impuls­prä­sen­ta­tio­nen, die anschlie­ßend mit Inter­es­sier­ten dis­ku­tiert wer­den, gin­gen sie im Lärm der Hal­le unter, in der die zwei Ecken ein­ge­rich­tet waren. Neben Bar, Netz­werk­tref­fen und Durch­gangs­ver­kehr konn­te man teil­wei­se schon in der ers­ten Rei­he nicht mehr den Spre­cher ver­ste­hen. An ein Mikro­fon hat­te man offen­bar nicht gedacht.

Hunderte Menschen drängen sich und warten
Die Eröff­nungs­ses­si­on star­te­te mit 40 Minu­ten Ver­spä­tung. Tau­sen­de Besu­cher war­te­ten vor der Hal­le auf Ein­lass.

Am ärger­lichs­ten fand nicht nur ich jedoch die fast schon tra­di­tio­nell ver­bes­se­rungs­fä­hi­ge Raum­auf­tei­lung, die sich in die­sem Jahr noch ein­mal dra­ma­tisch ver­schlech­tert hat. Viel­leicht ist die Repu­bli­ca nun end­gül­tig zu groß gewor­den. Jeden­falls hör­te ich von vie­len Teil­neh­mern, dass sie in so eini­ge Ses­si­ons nicht mehr hin­ein­ka­men, weil die­se heil­los über­füllt waren. Eine Beob­ach­tung, die ich mehr­fach bestä­ti­gen kann.

Dass es nach zwei Jah­ren ohne Pro­ble­me die­ses Mal kein funk­tio­nie­ren­des WLAN mehr gab, ist da schon fast nicht mehr erwäh­nens­wert. Auch wenn ich mich fra­ge, ob es tat­säch­lich an den paar Besu­chern mehr gele­gen haben kann. Wenigs­tens ging das mobi­le Netz ohne Umstän­de.

Snapchat und Virtual Reality beherrschen alles

Ich will aber nicht nur meckern. Die Repu­bli­ca ist wie gesagt immer noch unheim­lich wich­tig. Was hier wie dis­ku­tiert wird, lässt ein wenig in die Kris­tall­ku­gel bli­cken. Und dort sieht man vor allem zwei Sachen, die in den kom­men­den Mona­ten noch stark an Bedeu­tung zuneh­men wer­den.

Snap­chat war in aller Mun­de. Die zuge­hö­ri­gen Ses­si­ons waren über­füllt (natür­lich), auch wenn sie eher Anfän­ger­ni­veau besa­ßen. Das Side-Event von Phil­ipp Steu­er spreng­te alle räum­li­chen Gren­zen und sogar Sascha Lobo ließ es sich in sei­ner Pre­digt nicht neh­men, bestimmt fünf­zehn Mal das Netz­werk zu erwäh­nen. Auch der Letz­te müss­te jetzt begrif­fen haben, dass da etwas Ernst­zu­neh­men­des pas­siert.

Ein ande­res gro­ßes The­ma war Vir­tu­al Rea­li­ty (VR). Weni­ger auf den Büh­nen, son­dern viel­mehr bei zahl­rei­chen Aus­stel­lern, wo man ver­schie­de­ne Sys­te­me tes­ten durf­te und ande­ren Men­schen dabei zuse­hen konn­te, wie sie sich mit offe­nen Mün­dern im lee­ren Raum beweg­ten.

Nächstes Jahr? Blöde Frage!

Das waren aber nur die zwei gro­ßen The­men, die mir auf­ge­fal­len sind. Es gab dar­über hin­aus noch zahl­rei­che wei­te­re The­men. Wegen über­füll­ter Säle und natür­lich, weil ich ganz oft ein­fach nur im Hof stand und mich mit Leu­ten unter­hielt, wer­de ich aber noch vie­le Ses­si­ons auf Video nach­ho­len müs­sen.

Schon jetzt kann ich aber sagen, dass ich nächs­tes Jahr ganz sicher wie­der zur Repu­bli­ca fah­ren wer­de. Sie mag ihren Zenit über­schrit­ten haben, aber es wird noch eini­ge Jah­re dau­ern, bis sich die Rei­se nicht mehr lohnt. Und wer weiß, viel­leicht pas­sie­ren der­weil noch irre Wen­dun­gen. Zu hof­fen wäre es.


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5 KOMMENTARE

  1. Viel­leicht gibt es einen gewis­sen Rhyth­mus, in dem man die­se Ver­an­stal­tung am bes­ten erträgt? Fünf in Fol­ge ist too much, an Dei­ner Stel­le wür­de ich mal ein Jahr aus­set­zen. Ich war zwi­schen 2008 und 2012 fünf­mal in Fol­ge da, dann habe ich drei­mal aus­ge­setzt und die­ses Jahr die Rück­kehr sehr genos­sen. Ja, es war voll, aber das war okay. Ja, das WLAN ist abge­schmiert, aber das kennt man doch gar nicht anders, oder? Ja, die Bad­ges waren so stylish wie sinn­los, aber irgend­wie hat man dann doch fast alle ken­nen­ge­lernt, die man noch nicht kann­te und die ande­ren gut wie­der­erkannt, oder? Mich haben ein­zig die völ­lig sinn­lee­ren Taschen­in­spek­tio­nen der Secu­ri­ty und die Cate­ring­prei­se genervt. 3€ für ‚ne Mate oder so’n Lego­stein­gros­ses Stück Kuchen? Geht’s noch? Das war mal bes­ser.

    • an Dei­ner Stel­le wür­de ich mal ein Jahr aus­set­zen

      Hm, das zie­he ich über­haupt nicht in Betracht. Bei allem Unmut über­wie­gen die posi­ti­ven Din­ge doch gewal­tig. Ich kann mir gera­de nicht vor­stel­len, war­um ich dar­auf ver­zich­ten soll­te.

      Ja, es war voll, aber das war okay.

      Ins­ge­samt: Ja, fin­de ich auch toll. Vor allem, weil man dann so vie­le Men­schen trifft. (Und auch ver­passt. Apro­pos: War­um haben wir uns denn nicht gese­hen? Man­no­mann.) Aber wenn jede zwei­te Ses­si­on, in die ich woll­te, bereits eine Vier­tel­stun­de vor­her wegen Über­fül­lung geschlos­sen ist, dann ist es viel­leicht doch zu voll.

      Ja, das WLAN ist ab­ge­schmiert, aber das kennt man doch gar nicht an­ders, oder?

      Eben nicht mehr. Die letz­ten zwei Jah­re waren super. (Aller­dings weiß ich mitt­ler­wei­le auch, dass das vor allem an der Sta­ti­on liegt und weni­ger an der Repu­bli­ca. Trotz­dem.)

      sinn­lee­ren Ta­schen­in­spek­tio­nen

      Oh ja, das war auch so eine komi­sche Neue­rung. Dafür muss­te man kei­ne Pfand­mar­ken mehr sam­meln. Unent­schie­den an die­ser Stel­le, wür­de ich sagen.

      Das war mal bes­ser.

      Genau. Das gilt für mich halt an etli­chen Punk­ten. Aber noch ein­mal: Ins­ge­samt über­wie­gen die schö­nen Din­ge bei Wei­tem. Das Gejam­me­re hier ist auf einem hohen Niveau. Der Zenit ist ja gera­de erst über­schrit­ten wor­den. ;)

      Dan­ke für dei­nen aus­führ­li­chen Kom­men­tar, Kiki!

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