Die böse Hexe am anderen Ende

Eine Geschichte aus dem Jahr 1985

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Meine Mutter erlaubt mir, fünf Jahre alt, meinen Freund selbständig anzurufen. Ich stelle mir einen Hocker vor unseren FeTAp (so moosgrün wie in diesem Beitrag und auf jeden Fall mit Wählscheibe), damit ich an den Apparat komme, der im Flur an der Wand hängt.

Ich wähle die vierstellige Nummer. 2, 7, 0, 1. Es meldet sich eine Frau, die nicht die Mutter meines Freundes ist. Ich lege vor Schreck auf. Noch einmal probiere ich es, indem ich meine kleinen Finger in die richtigen Löcher der Wählscheibe stecke und daran drehe, so wie ich es bei meinen Eltern gesehen habe. 2, 7, 0, 1. Wieder meldet sich die falsche Frau, sie klingt böse, wieder lasse ich erschrocken den Hörer auf die Gabel fallen.

„Mama, da geht jedes Mal eine böse Hexe ran!“, rufe ich quer durch den Flur. Meine Mutter glaubt mir nicht ganz und vermutet einen Eingabefehler. „Zeig doch mal, wie du wählst!“, fordert sie mich auf und ich zeige ihr ganz genau, wie ich vorgegangen bin, allerdings dieses Mal mit aufgelegtem Hörer.

„Erst die 2“, sage ich an, stecke meinen Zeigefinger in das Loch mit der 2 und drehe die Wählscheibe im Uhrzeigersinn bis zum schwarzen Plastikstück. „Dann die 7“, geht es weiter. „Dann die 0“, sage ich und drehe wie bei den Versuchen vorher so weit ich kann, aber irgendwo zwischen der 5 und 4 verliere ich die Kraft. „Und dann die 1“, da geht es wieder ganz leicht.

„Johannes, du musst alle Zahlen bis zum Ende drehen, sonst klappt das nicht“, belehrt mich meine Mutter.

Einmal muss ich aber noch die falsche Nummer wählen, damit sich meine Mutter bei der bösen Hexe entschuldigen kann.

(Zuerst im Techniktagebuch veröffentlicht.)

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