Was ich auf Facebook sehe, den Newsfeed, die Timeline oder wie auch immer du sie nennen möchtest, das bestimmt der Algorithmus. Aus hunderten Variablen versucht er zu errechnen, welche Beiträge mich besonders interessieren könnten. Facebook kann mich nicht fragen, was genau ich sehen möchte, sie können nur mein Verhalten studieren: Wie lange ich bei einem Beitrag verweile, wie ich mit ihm interagiere (like, teile, kommentiere), ob ich vielleicht sogar auf das Profil oder die Seite gehe, um mehr zu sehen. Und natürlich spielt auch ein Rolle, was meine Friends und Wesensgleiche so machen.

Das heißt: Doch, ich kann dem Facebook-Algorithmus Feedback geben. Zumindest negatives. Ich kann Facebook sagen, dass ich bestimmte Inhalte nicht sehen möchte. Das blaue Netzwerk hat sogar seit einigen Wochen eine neue Möglichkeit dafür geschaffen: Man kann Nutzer, Gruppen oder Seiten für 30 Tage stumm schalten. Und genau das habe ich in den letzten Wochen begonnen.

Lautes übertönt Leises

Es gibt da nämlich einen trivial anmutenden, aber doch wichtigen Teufelskreis bei Facebook. Laute Nutzer oder Seiten, also solche, die viel posten, die auffällige Beiträge machen (weil sie tolle Bilder oder Videos einbinden oder diese fürchterlichen Hintergründe verwenden), die bekommen auch mehr Aufmerksamkeit. Ob ich will oder nicht. Und diese Aufmerksamkeit führt dazu, dass die „lauten“ Nutzer immer mehr Platz in meinem Newsfeed erhalten. Ein Prozess, der sich einschleicht, den man erst gar nicht so mitbekommt.

Irgendwann zwischen den Jahren fing es aber an, dass ich eine Monotonie in meiner Timeline bemerkte. Die immer gleichen Nutzer und Seiten mit den immer gleichen Inhalten – es war genug, dass es mir auffiel. Und ich klickte das erste Mal auf „30 Tage auf Snooze schalten“ wie es in der deutschen Übersetzung heißt.

Ein Feldversuch mit interessanten Folgen

Angetan von ersten Erfolgen postete ich vollmundig, das jetzt einfach mal für alle zu machen:

Ich schalte ab jetzt jede Person oder Seite in meinem Newsfeed auf 30 Tage Pause. Mal sehen, wer am Ende übrig bleibt.

Posted by Johannes Mirus on Donnerstag, 4. Januar 2018

Vorweg: Das habe ich natürlich nicht gemacht. Aber die unverhofften Reaktionen bestärkten mich, das Experiment zum einen als solches zu begreifen und zum anderen es noch ein wenig weiter zu vollziehen. Ich wollte wissen, was passiert, wenn ich wirklich mal alles ausblende, was mich nicht akut interessiert.

Die erste Folge meines Beitrags war aber eine lustige andere: Leute nahmen von mir Notiz, die mich schon lange nicht mehr (oder noch nie?) in ihrem Newsfeed sahen:

Konstantin sagt, er nehme mich zum ersten Mal wahr. Sandra bestätigt, ihr würde es auch so gehen.

Aber auch sonst stellte sich – nach nur zehn Tagen – der gewünschte Effekt ein. Von heute auf morgen sehe ich wieder Beiträge von Friends, die ich schon gar nicht mehr auf dem Schirm hatte. Menschen und – in einem sehr viel geringeren Ausmaß – auch Seiten, die ich teils seit Monaten nicht mehr „gesehen“ hatte, stehen wir ganz oben im Newsfeed. Es ist eine große Bereicherung.

Der Algorithmus lebt vom Feedback

Es sind bisher nur wenige Tage, aber ich merke schon, wie viel mehr Spaß Facebook auf einmal wieder macht. Ich bin sehr gespannt, was da noch passiert und ich werde weiterhin versuchen, meinen Newsfeed zu etwas zu machen, das mir Freude bereitet. Dazu gehört auch immer mehr, dass ich Werbung ausblende, die mich nicht anspricht (also fast alle).

Ich predige es immer wieder, bin aber trotzdem bass erstaunt, wie sehr es stimmt: Der Algorithmus ist nur so gut, wie du ihn machst. Je mehr Feedback du gibst, desto besser kann er dir dienen.

Was passiert nach 30 Tagen?

Als nächstes bin ich gespannt, was passiert, wenn die 30-tägige Quarantäne abläuft. Werden die alten „Nervensägen“ wieder die Oberhand gewinnen oder werden sie dauerhaft einen Malus vom Algorithmus zugewiesen bekommen? Ich werde berichten.

3 KOMMENTARE

  1. Ich musste deinen Beitrag auf FB mehrfach lesen. Hatte zuerst nicht verstanden, was es mit dem “Abschalten” auf sich hat. Was du jetzt schreibst, hatte ich vor snooze in etwa vermutet.

    Ich muss mal schauen, wie ich damit umgehe. Twitters Ansatz ist leider auch keine Lösung.

    VG A.

  2. Spannende Sache, zumal ich über diese “Snooze-Funktion” auch gerade gestolpert bin. Würde ich auch gern machen (wenn ich nicht “besseres” zu tun hätte…). ;) Habe nämlich aus besagten Gründen die Aktivitäten auf meinem persönlichen FB-Account mit der Zeit immer mehr reduziert …

    Grüße,
    Wolfgang

KOMMENTIEREN

Please enter your comment!
Please enter your name here