Gelesen: Jens. Ein Mann will nach unten

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Cover: Erlend Loe: Jens. Ein Mann will nach unten.Hach, das ist ein herrliches Lesevergnügen gewesen. Auch wenn ich mich dafür vorher noch einmal einlesen musste, wer dieser Jens ist. Es geht nämlich um Jens Stoltenberg, zur Entstehungszeit des Buches Ministerpräsident von Norwegen (heute Nato-Generalsekretär). Besser gesagt geht es eigentlich um Fvonk, ein depressiver und zunehmend unter Schizophrenie leidender ehemaliger Sportfunktionär, in dessen Einliegerwohnung Jens Stoltenberg einquartiert wird.

Es gibt zurzeit vieles, was ich nicht weiß. Es fällt mir schwer, das zu sagen, aber ich befinde mich in einer Phase, in der ich sehr vieles nicht weiß, und das verwirrt mich. Vorher habe ich alles gewusst. Ich bin fast nie jemandem begegnet, der so viel wusste wie ich. Vorher.

Jens muss nämlich runterkommen, er ist vom vielen Regieren ausgebrannt, hat keine Lust mehr und spürt trotzdem die Verantwortung, die er tragen muss, für die Partei, für das Land. Fvonk und Jens freunden sich an und werden Blutsbrüder.

Ich will weg von mir selbst.

Es könnte herzzerreißend sein, würde Autor Erlend Loe das nicht alles so herrlich nüchtern schreiben. Selbst die tiefsten Tiefen der Antriebslosigkeit beschreibt er lakonisch in einem Stil, den ich bisher nur von Kahnemanns Die Vermessung der Welt* kannte. Es hat mir sehr gefallen.

Es ist ja nicht so, dass ich eine Diagnose hätte, ich bin nicht krank in dem Sinne, ich bin nur erschöpft, ausgepowert, zeitweise schlapp, zeitweise übrigens auch wütend, in kurzen Momenten desinteressiert, das war ich noch nie, mich bewegen zurzeit viele Gefühle, die für gewöhnlich nicht in einem Staatenlenker vorhanden sind und ich habe selten Zeit, sie wirklich zu spüren, darum brauche ich einen Raum, eine Arena, dachte ich, wo ich ich selbst sein kann, und sei es nur momentweise, so wie jetzt, ja, gerade jetzt bin ich tatsächlich voll und ganz ich selbst, ohne Verstellungen, ohne Maske, mal abgesehen von diesem Bart.

Schön fand ich auch, dass das Buch zwar ein Ende hat, aber dennoch nicht alles aufgeklärt wird. Wir stoßen zu Fvonk in einer Lebensphase, in der er bereits „Unkultur“ erleben musste, die ihn schwer zeichnet und die ganze Freundschaft mit Jens erst möglich macht. Aber wer dieser Fvonk eigentlich ist, was er vorher so alles gemacht hat, wer wirklich schuld an der „Unkultur“ in seinem staatlich geförderten Verein war, die zu seiner Entlassung führte, was es mit den Schwangeren auf sich hat, die er überall sieht und fürchtet – man kann Vermutungen anstellen, richtig aufgeklärt wird es aber bis zum Schluss nicht.

Ich habe über die Neujahrsansprache nachgedacht.

Bis dahin sind es aber noch gut neun Monate.

Ja, aber sie spukt mir schon im Kopf herum, diese verteufelte Neujahrsansprache, das ganze Jahr über geht das so, oft ist sie das Erste, woran ich morgens denke, stell dir mal diesen Albtraum vor, dieser Job stiehlt mir meine Gedanken, Fvonk, ich bin kein freier Mensch mehr, ich bin unfrei.

Fvonk nickt und legt das Gesicht in nachdenkliche Falten. Unfrei ist nicht gut. Das versteht er.

Die Geschichte ist unrund, aber dennoch, eigentlich gerade deswegen – und natürlich wegen des Schreibstils an sich, den Übersetzer Hinrich Schmidt-Henkel hervorragend ins Deutsche gerettet hat – ist das Buch jede Empfehlung wert.

Erlend Loe (Hinrich Schmidt-Henkel, Übers.): Jens. Ein Mann will nach unten. Taschenbuch (192 Seiten)* oder E-Book (Kindle)*, 8,99 Euro.

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