Aus dem Leben eines Taugenichts (Erstdruck 1826)
Erst­druck 1826 (aus Wiki­me­dia Com­mons)

Ich kün­dig­te die­se Rezen­si­on schon an. Auf mei­nem Nexus 7 ist zufäl­li­ger­wei­se das Buch „Aus dem Leben eines Tau­ge­nichts1 von Joseph von Eichen­dorff instal­liert. Eines gemüt­li­chen Tages war ich zu faul gewe­sen, nach Been­di­gung mei­ner bis­he­ri­gen Lite­ra­tur vom Sofa auf­zu­ste­hen, also touch­te ich mal auf das Buch und fing an, dar­in zu lesen. Es war dem­nach ein glück­li­cher Umstand, der mich zu die­sem Werk brach­te.

Von der ers­ten Sei­te an war ich begeis­tert. Und zwar von vie­len Fak­to­ren. Zunächst von der fast zwei­hun­dert Jah­re alten (Schrift-)Sprache, die mich fas­zi­nier­te. Die­ser höf­li­che Umgangs­ton, der zumin­dest aus mei­ner heu­ti­gen Sicht so erscheint, die­se nied­li­chen Hs hin­ter den Ts (wie bei Thür, That, Muth) und die vie­len Klei­nig­kei­ten, die bei der Recht­schreib­re­for­ma­ti­on um die Jahr­hun­dert­wen­de 1900 geschlif­fen wur­den, so dass man ihnen ihre meist fran­zö­si­sche Her­kunft heu­te nicht mehr ansieht. Der­art begeis­tert wech­sel­te ich schnell von der mit­tels OCR ein­ge­le­se­nen Ver­si­on auf die Ori­gi­nal­scans in Frak­tur, um noch näher dran zu sein.

Ich fass­te ihn, wie außer mir, bei der Brust und sag­te: „Vor­tier, jetzt schert Ihr Euch nach Hau­se, oder ich prü­ge­le Euch hier sogleich durch!“

Was mich natür­lich noch mehr begeis­ter­te war die Geschich­te. Die schöns­te Spra­che, die bes­ten Dia­lo­ge und die cools­te Schrift kön­nen ja nicht die rund 130 Sei­ten tra­gen. Was, nur 130 Sei­ten? Ja, tat­säch­lich, die Erzäh­lung schrei­tet ver­dammt schnell vor­an. Es war eine rich­ti­ge Wohl­tat, so poin­tiert etwas lesen kön­nen, wo doch heu­te so vie­les nur quan­ti­ta­tiv gemes­sen wird. Gera­de im Buch­be­reich habe ich schon öfter Sachen gehört wie: „Was, acht­neun­und­neun­zig für läp­pi­sche drei­hun­dert Sei­ten?“ Über­ra­schung, dar­auf kommt es nicht an! Ich lege kei­nen Wert auf einen auf­ge­plus­ter­ten Roman à la Frank Schät­zing2, auch wenn bei einem E-Book das Gewicht nur noch eine unter­ge­ord­ne­te Rol­le spielt.

In dem Gar­ten war schön leben, ich hat­te täg­lich mein war­mes Essen voll­auf, und mehr Geld, als ich zum Wei­ne brauch­te, nur hat­te ich lei­der ziem­lich viel zu thun.

Wo war ich? Ach ja, bei der Geschich­te. Die ist toll. Es geht um einen Typen, des­sen Namen man im gesam­ten Buch nicht erfährt, der die Geschich­te aus der Ich-Perspektive erzählt und faul ist. Jeden­falls denkt das sein Vater, der Mül­ler­meis­ter, der ihn weg schickt, damit er ihm wenigs­tens nicht mehr auf der Tasche liegt. Und so zieht der Kerl los, nur mit sei­ner Gei­ge bewaff­net, und schlägt sich so durch. Er ist eine Lebe­mann, man wür­de heu­te viel­leicht sogar sagen, er wäre ein Lebens­künst­ler. Der Zufall hilft ihm immer wie­der, er bekommt sogar ohne es zu wol­len einen ange­se­hen, gut dotier­ten Job, ver­liert ob einer unglück­li­chen Roman­ze aber wie­der die Lust dar­an und zieht mit Umwe­gen gen Rom. Hier und dort erlebt er Sachen und kehrt schließ­lich wie­der zurück, wo es dann ein Hap­py End gibt, das von Eichen­dorff wohl jeder Lek­tor raus­strei­chen wür­de, woll­te er sein Buch in die­sem Jahr­hun­dert ver­öf­fent­li­chen.

In der Wiki­pe­dia steht, die Geschich­te zei­ge die unter­schied­li­chen Lebens­auf­fas­sun­gen von Roman­ti­kern, die wie der Erzäh­ler in den Tag hin­ein leben, und den Phi­lis­tern, die „ein boden­stän­di­ges, ein­tö­ni­ges und pedan­ti­sches Spieß­bür­ger­da­sein fris­ten“ und Moral­pre­dig­ten hiel­ten. Dass die Roman­ti­ker immer Ober­was­ser haben, macht das Buch erst so rich­tig fluffig.

Par­lez vous français?“ sag­te ich end­lich in mei­ner Angst zu ihm. Er schüt­tel­te mit dem gro­ßen Kop­fe, und das war mir sehr lieb, denn ich konn­te ja auch nicht Fran­zö­sisch.

Nicht zuletzt zeigt die Novel­le, dass man manch­mal Zeit benö­tigt, das zu fin­den, was einem wirk­lich liegt. Der Vater hät­te sicher­lich ger­ne gese­hen, dass der Erzäh­ler wie er das Mül­ler­hand­werk erlernt. Es scheint aber wohl so zu sein, dass dem Erzäh­ler ein Talent gege­ben wur­de, Men­schen mit sei­ner unbe­küm­mer­ten, ver­bind­li­chen Art und sei­nem Gei­gen­spiel zu fes­seln. Das fest­zu­stel­len konn­te ihm aber nur gelin­gen, indem er hin­aus­zog, neue Men­schen ken­nen­lern­te, Erfah­run­gen sam­mel­te und so her­aus­fin­den konn­te, was er vom Leben erwar­tet und was er zurück­ge­ben kann.

Was der Mensch doch nicht Alles erfährt, wenn er sich ein­mal hin­term Ofen her­vor­macht.

Das Buch könn­te man pro­blem­los in die heu­ti­ge Zeit por­tie­ren. Viel­leicht ist es das, was mich dar­an am meis­ten begeis­tert hat.

  1. Das Buch gibt es kos­ten­los für den Kind­le und Kindle-Apps oder aus dem Goog­le Play Store für Android-Geräte sowie in der ordi­nä­ren Taschenbuch-Version (Affiliate-Link, bei Bestel­lung bekom­me ich ein paar Cent).
  2. Der Roman „Limit“ bringt es auf über 1300 Sei­ten. Laut mei­ner per­sön­li­chen Rezen­sen­tin sind davon 1200 nutz­lo­ses Füll­ma­te­ri­al.

* * *

Ende des Tex­tes. Bit­te wer­fen Sie eine Mün­ze ein!

KOMMENTIEREN

Please enter your comment!
Please enter your name here